Impressionen aus dem Iran

Ein Monat Iran - was wie ein riesen Abenteuer klingt stellt sich zunehmend als Kinderspiel heraus. Je länger ich hier bin, desto weniger kann ich verstehen, wo das deutsche Bild von diesem Land herkommen. 

Zumal sich die Menschen hier echt gut mit Deutschland identifizieren: wenn ich auf Nachfrage antworte, dass ich aus Deutschland komme, 'wiederholen viele wispernd 'Alemanie', als sei es das gelobte Land. Viele möchten in Deutschland studieren und lernen deutsch, einige sprechen schon richtig gut. Aber Iraner sind auch stolz auf ihr Land, ihre Historie, ihre Sicherheit und Stabilität in der Region.
Sie berufen sich auf ihre indo-germanische Abstammung, die wir in Europa mit ihnen teilen - und die Farsi für und deutlich leichter zu lernen macht als Arabisch - und distanzieren sich von ihren arabischen Nachbarn. Ich würde sicher ihr Herz brechen, wenn ich ihnen sagen würde, dass das in Europa für uns alles dasselbe ist.

Land sowie Stadt sind sicher, Busse pünktlich, schnell und luxuriöser als jeder, mit dem ich in Europa jemals unterwegs war, Einwohner haben elektronische Bustickets, der lokale Tourismus boomt, überall kann jemand wenigstens etwas Englisch, deutsche Reisegruppen werden über die schicken Plätze der ehemaligen persischen Hauptstadt Esfahan geherdet.
Man kann hier nicht für 10 Euro leben wie der Shar. Während die meisten Frauen mit ihren schwarzen Chadors ('Zelten') ihre persische Schönheit verbergen und so gerade in Bussen, wo sie von den Männern separiert die hinteren zwei Drittel einnehmen, einen kuriosen Anblick bieten, blitzen darunter oft dezente Absätze, Jeans oder Sneaker hervor. Trotzdem habe ich bisher keinen einzigen Ordnungshüter gesehen, der sie für vermeintlich unangemesses Auftreten und Kleidung belehrt. Generell fühlt sich die Umgebung wenig überwacht an. Auch ich wurde bisher kein einziges mal schief angeguckt, angegraben oder gar angepatscht (anders als in der 'Krone' in Darmstadt, im Übrigen...) - obwohl ich deutlich farbenfroher bin, mein Hijab schwer zu wünschen übrig lässt und mich europäische Reisebekanntschaften gelegentlich darauf hinweisen, dass mein dünner Schal von meiner ungekämmten Mähne gerutscht ist und ich so entblößt munter durch die Straßen wandere. Auch in der Metro in Tehran, als eine der wenigen Frauen nicht im weniger überfüllten Frauenabteil fahrend, wurde mir mit nichts als freundlicher Aufmerksamkeit begegnet - meistens werde ich behutsam auf den besten, von ins Abteil strömenden Massen geschützten Platz manövriert. Hoffentlich lerne ich noch, mit dem vielen Umhangstoff so elegant und natürlich umzugehen, wie die Damen hier, deren Englisch, besonders das der jungen, im übrigen oft jenes der Herren übertrifft.
Nur mein erster Versuch, ein Fahrrad auszuleihen, wurde mit dem freundlich lächelnden Hinweis, dies sei im Iran nicht üblich, abgeleht. In diesem Fall habe ich mich aber durch meine Überraschung auch leicht abwimmeln lassen - mal sehen, ob ich diese Grenze beim nächsten Versuch etwas ausdehnen kann - schließlich habe ich inzwischen auch schon zwei Iranerinnen auf Rädern gesehen

Trotz der bisherigen verblüffenden Ähnlichkeit mit Europa, etwas Exotik bleibt: regelmäßig rufen die Mullahs zum Gebet, die Lehmhäuser der Dörfer erinnert an 1001 Nacht, in traditionellen Teehäusern sitze ich auf persischen Teppichen, auf Toilette wird man vergeblich nach Toilettenpapier suchen und einen Wasserschlauch finden, und die persischen Frauen sichern verlegen ihr Hand irgendwo an ihrem Körper, wenn ein männlicher Reisender ihnen unbedacht die Hand geben möchte. Auch uneuropäisch ist die Hilfsbereitschaft der Leute, die helfen, den richtigen Bus und angemessene Preise zu finden, einen zur Sicherheit lieber selbst mit dem Auto ans gewünschte Ziel fahren und einen zu sich nach Hause zum Mittagessen einladen.

Nach dieser ersten Woche Eingewöhnungsphase bin ich bereit für mehr lokale Erfahrungen; dazu mein weniges Farsi anzuwenden und zu verbessern. Im Zuge dessen werde ich in zwei Stunden diesen bequemen VIP-Bussesel durch einen kratzigen, wackeligen Kamelrücken eintauchen und mein Falafel-Brunch durch Ziegenkopf-Frühstück ersetzen.
Wenn dies auch ein Land ist, in dem man dem Abenteuer wider jeder deutschen Wahrnehmung nur zu leicht entgehen kann, bin ich sicher, dass ich es mit etwas proaktiver Suche und einer gewissen Entfernung von den gefeierten Attraktionen in den nächsten drei Wochen noch finden werde.

Khudo hofez,
Jassi

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Kommentare: 8
  • #1

    Hassan Mohammad (Mittwoch, 09 Dezember 2015 09:25)

    Ich bin stolz auf Menschen wie dich, die sich selbst ein Bild von einem Land machen anstatt auf das hören was im Fernsehen läuft. Und man muss sich natürlich anpassen und die regeln des jeweiligen Landes respektieren und berücksichtigen (nicht weil man hier halbnackt rumlaufen darf und dort nicht, heißt es nicht das man dort keine Freiheit hat weil man mehr anziehen muss).
    Ich habe zwar ein arabischen Namen aber komme aus Eritrea und weiß nicht viel über Iran außer das Negative von den Nachrichten. Iran ist in meiner Liste das Land Nummer 33 das ich besuchen will jetzt ist Iran auf Platz 12 dank diesen positiven Beitrag.
    PS: es sollten alle sich selbst ein Bild von etwas machen bevor man darüber urteilt.

  • #2

    Thomas Pignede (Mittwoch, 16 Dezember 2015 17:56)

    Super schön Jassi, freue mich total dass Du Deine Reise verwirklichen kannst und uns daran teilhaben lässt! Iran ist ja sowieso schon lange eine meiner Top-Destination, bin daher gespannt was Du noch erzählen und erleben kannst, und wie Du weiter Stereotypen unvoreingenommen begegnest und abbaust :-) Weiterhin ganz viel Spaß und eine tolle Zeit! Liebe Grüße und bis bald :-)

  • #3

    Jasmin (Montag, 21 Dezember 2015 17:37)

    Danke fürs Lesen und für die netten Kommentare! Dann sollte ich wohl auch mal zusehen, dass Eritrea auf meine Liste kommt. Und Thomas, du hast ja mit deinen Reisen auch schon Einiges an meinen zukünftigen Zielen verändert. ;)

  • #4

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